Stone

Michels WG-Mitbewohner

Michel STONE.  Eigentlich Stephan Amaud von Hausburg. Von Beruf ewiger Student und Sohn. Gefühlte 33 Semester BWL (daher kennen wir uns). Hat mir den Job bei Phoenix besorgt (jobben müsste er nicht, so viel Kohle hat sein Dad, aber es liefert ihm eine gute Ausrede, warum er immer noch nicht fertig ist mit studieren). Hat einen unfassbaren Frauenverbrauch und bestätigt immer wieder die „Dreist gewinnt“-These (Nebenfach: Anglistik, denn „da laufen die meisten Chicas rum“). Lieblingsband: Bon Jovi. Lieblingsfilm: Sin City. Natürlich. Jessica Alba.
Ach ja, der Spitzname. Keine Ahnung. Seine Version: weil er so hart ist wie ein Stein. Ich glaube nicht.


Anna_SchuheDann gehe ich zurück ins Wohnzimmer und erschrecke als plötzlich jemand hinter mir spricht. Es ist Stone. „Sie ist nicht so nett, wie sie tut, die Esther. Selbst wenn sie geil aussieht,  Michel  sollte nicht noch mal auf sie reinfallen.“ „Nein, besser wär es.“ Sage ich.
Er nickt. Mustert mich noch mal von oben bis unten und zeigt dann schließlich auf eine Blonde, die an einem Türrahmen lehnt. „Die mach ich mir jetzt klar.“ „Viel Glück.“ Wünsche ich ihm.

Und dann fange ich plötzlich an zu tanzen, einfach so, mich zu drehen, alles verschwimmt, ich schließe die Augen und sehe Michel, er steht vor dem Kühlschrank und lächelt mich an. Freunde, denke ich. Und von irgendwo höre ich nur noch unklar, wie Stone mir hinterher ruft, dass er Glück noch nie gebraucht hätte. Ein verwirrender Abend. Wirklich.

Viola

Annas Freundin

Anna_SchuheViola Kuschel. So heißt sie. Wirklich! Auf den ersten Blick gibt es wohl keinen Namen, der weniger zu ihr passt, aber wenn man ganz genau hinguckt und davon absieht (oder vielleicht doch grade deswegen?), dass Viola nach weiß und Kuschel nach rosa klingt, dann gibt es wohl keinen Namen, der sie besser beschreibt. Viola ist weder rosa noch weiß. Also, was ihren Kleidungsstil angeht – jedenfalls den sichtbaren – der ist eher schwarz und grau. Unauffällig, ungeschminkt, ungeschickt. Das ist sie auf den ersten Blick. Aber so ist sie nicht nur, denn unter ihrer schwarzen Kleidung trägt sie weiße Bodys und weiße Unterwäsche mit Blümchen, die aussieht als stamme sie aus der H&M Kinderabteilung. Es sprengt meine Vorstellungskraft, dass Viola Sex hat, dass sie jemand auszieht und diese Unterwäsche sieht. Aber sie hat Sex. Jedenfalls ist sie selten Single, sie hat ständig irgendeinen Typen und genau deswegen ist die Geschichte, die sie mir grade versucht zu erzählen, noch viel unglaubwürdiger als sowieso schon.


MichelViola hat Stone interessiert zugehört und ihn dabei mit zusammengekniffenen Augen neugierig angesehen, vielleicht so, wie ein Insektenforscher eine neue Spezies Käfer ansehen würde. „Das fände ich sehr nett, eine Fete nur für uns. Anna, ich und Michel und du und dein Freund. Wir könnten 17 und 4 spielen oder zusammen einen Film gucken. Ich mag Action Filme. Oh, und ich mag besonders Action Filme mit Bruce Willis. Stirb langsam ist einfach großartig. Ich steh auf Bruce Willis, weißt du? Der ist männlich. Wie ihr drei WG-Jungs.“ Laut lacht sie auf und zwinkert Stone zu, als müsse sie noch unterstreichen, dass die Aussage nicht völlig ernst gemeint war. Neugierig wandert mein Blick zu Stone hinüber, der bei Violas Vortrag keine Miene verzogen hat. Die beiden nebeneinander wirken tatsächlich wie zwei Vertreter verschiedener Kulturen. Erstaunlich allerdings, denke ich, dass Stone überhaupt mit Viola redet und umgekehrt, dass Viola nicht besonders beeindruckt scheint von Stones Auftreten und Aussehen. Nun nickt er und erwidert, dass das eine gute Idee sei. Viola lächelt erfreut und dreht sich zu Anna um, um ihr etwas zuzuflüstern. Langsam wendet sich Stone zu mir. Seine Augenbrauen wandern ebenso langsam nach oben und seine Lippen bilden deutlich das Wort „Freak“.

Esther

Michels Ex

Anna_SchuheDas ist also Esther? Seine Esther? Ich kenne Esther. Und ich mag sie nicht. Sie war auf meiner Schule. Eine Stufe über mir. Sie war mit meinem Ex-Freund befreundet. Einen meiner unwichtigen Ex-Freunde mit denen ich in der 12 für drei Monate oder so zusammen war. Esther ist hübsch. Groß. Und falsch. Sie ist eine von denen, die immer so tun als wären sie nett, hilfsbereit, super cool, super ironisch. Aber wenn sie dich nicht mögen, dann sind sie plötzlich nicht mehr so nett, nicht mehr so hilfsbereit, aber natürlich immer noch super cool. Das sind sie immer. Super cool. Und sie sind das alles natürlich nicht direkt – außer super cool, das sind sie natürlich direkt. Sie kommen nicht zu dir und sagen „Ich mag dich nicht.“ Nein, das würden sie nie tun, denn dann würden ja auch andere merken, dass sie dich nicht mögen. Sie sind es im Geheimen, hinter deinem Rücken, da versuchen sie dich bei jeder Gelegenheit zum Stolpern zu bringen.


MichelIch sehe auf mein Handy. Esther. Es ist Esther. Warum gerade Esther? Ich lese die SMS. Nur ein Satz. „Hast du Lust vorbei zu kommen?“ Nicht mehr, keine Erklärung, kein „ich bin allein und hab an dich gedacht“. Einfach so, nur eine Frage, aber eine Frage, die in mir ein Chaos an Gefühlen auslöst. Hab ich? Lust? Vorbei? Zu kommen? Dann müsste ich nur ein Stück weiterfahren. Nur ein Stück. Einfach sitzen bleiben.

Annas Eltern

Anna_Schuhe„Ich war bei meinen Eltern und für gewöhnlich bin ich immer schlecht drauf und empfindlich, wenn ich bei meinen Eltern war. Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie, irgendwie fühle ich mich immer so klein, wenn ich wiederkomme. Und ich fühle mich klein, wenn ich da bin. Es ist nicht als wäre es nicht schön sie zu sehen oder als wäre ich nicht willkommen. Aber ich weiß, dass sie enttäuscht sind von mir sind. Sie fragen mich immer nur über das Studium aus. Sie fragen mich nie, wie es mir geht. Verstehst du?“ Er nickt.

„Und na ja, wenn es nichts mehr zu sagen gibt über das Studium, dann hab auch ich nicht mehr viel zu sagen. Dann erzählen sie von meiner Schwester oder von was auch immer. Also nicht, dass ich meine Schwester nicht mag oder dass ich eifersüchtig wäre, ich wünschte nur einfach, dass sie mir nicht jedes Mal, wenn ich da bin, unter die Nasen reiben würde, wie toll sie doch ist. Ich wünschte, dass sie mich nur einmal, nur für einen Augenblick, so ansehen würden, wie sie. Dass es einmal keine Rolle spielen würde, wie das Studium läuft. Dass einmal alles andere egal wird, dass es nur um mich geht. Mich. Nicht um irgendwelche Oberflächlichkeiten. Denn so, so habe ich das Gefühl, dass ich gar nicht anders kann, als sie zu enttäuschen.“


Michel „Wer sind Sie?“ fragt Annas Mutter mit ungläubigem Blick. So viel dazu, wie viel von meinen Worten angekommen ist. „Michel. Köhn. Ein Freund von Anna. Aber kommen sie doch rein.“ Annas Vater, der bisher geschwiegen hatte, nimmt seine Frau am Arm und zieht sie mit in die Wohnung, dabei mustert er mich forschend und wirkt er gar nicht so unfreundlich, wie ich erwartet hatte. „Sie sind also ihr Freund?“ hackt er nach. „Nein“, stelle ich klar, „ein Freund. Wir kennen uns aus dem Panther.“
Da Annas Mutter weiter in einer Art Schockstarre ist, ergänze ich: „Das ist die Kneipe hier unten.“
Ich weiß nicht genau warum, aber der Satz scheint sie aus ihrer Fassungslosigkeit zu reißen und an ihrem Blick merke ich: Die Show kann beginnen.

Marie

Annas kleine Schwester

Anna_SchuheIch weiß nicht, was ich sagen soll. Also sehen wir uns eine Weile nur an. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Wahrscheinlich, also in Wirklichkeit, waren es wohl nur ein paar Sekunden. Peinlich war es aber dennoch. Irgendwie. „Wo kann ich schlafen?“ Fragt sie mich schließlich. „Da auf dem Sofa.“ Ich zeige auf mein Sofa, unnötigerweise, denn eigentlich stehen wir direkt davor. Sie nickt. Fängt dann aber plötzlich und unerwartet an zu sprechen. Schnell. Viel. (Ich wusste nicht, dass sie so viel redet! Und so schnell. Vor allem so schnell.) „Mama und Papa haben mir auch eine Luftmatratze mitgegeben. Für den Notfall. Wir wussten nicht, ob du einen Platz hast, wo ich schlafen kann. Also haben wir vorsichtshalber eine mitgenommen. Ich hab auch so ein Luftpumpen-Teil mit. Wir wussten nicht, ob du so was hast. Und Bettwäsche auch. Wir wollten dir keine Arbeit machen. Und Mama war sich nicht sicher, ob du Ersatz hast. Also einen Bezug oder so was. Und deswegen habe ich einfach alles mitgebracht. Aber ich kann auch auf dem Sofa schlafen. Wir waren uns sowieso nicht ganz sicher, ob die Luftmatratze nicht vielleicht ein Loch hat. Wir hatten keine Zeit mehr das auszuprobieren. Mama wollte eine neue kaufen, nur für den Fall. Aber Papa meinte, das wäre Quatsch. Das würde schon gehen. Also mir ist egal, wo ich schlafe. So wie es dir am liebsten ist.“ Sie sieht mich wieder an. Erleichtert irgendwie. So als hätte sie die ganze Fahrt hierhin diese Rede geübt, froh darüber, sie jetzt hinter sich zu haben. Bei jedem anderen Kind wäre ich mir sicher gewesen, dass genau das der Fall ist. Die, also die Kinder, können normalerweise nicht so viel reden. Glaube ich. Aber Marie wahrscheinlich schon. Sie kann ja auch Geige spielen. Marie ist bestimmt kein normales Kind.


Michel Chucks. Jeans. Lisa Simpson-T-Shirt. Stern-Ohrstecker. Lockige Haare bis auf die Schultern. Das war Marie? Wo war der kleine spießige Streber? Na, innere Werte, das Outfit ist ja vielleicht nur Tarnung. Mein Verstand empfahl meinen Mund, sich wieder zu schließen und meine Gesichtszüge wieder auf nett-distanziert einzustellen. „Hallo Marie. Ich bin Michel.“ Ich gebe ihr die Hand.

Marie tritt einen Schritt vor und lächelt mich an. Oh, ich kenne dieses Lächeln. Schwestern, huh? „Hallo Michel.“ Sie wendet sich an Anna: „Ist das dein Verliebter? Knuffig.“ Sie lacht. Das Lachen kenne ich auch. Knuffig? Das gefällt mir. Knuffig.

Marc

Michels großer Bruder

Michel Ich sah ihn an. Versuchte auch den ernsten Bruder zu geben. Aber Marc bestaunte gerade seinen Bizeps. Ich musste ihn trotzdem fragen: „Weißt du, dass sie eigentlich auf dich steht?“ Er hielt kurz inne, sah mich unsicher an, doch dann lächelte er wieder. „Michi, die stehen alle ein bisschen auf mich. Das hat nichts zu sagen. Du bist jetzt mit ihr zusammen. Du bist doch ein super Typ. Die wird schon merken, dass du viel mehr drauf hast als ich. Wobei du echt was mehr Sport machen könntest. Sollen wir nachher eine Runde Basketball spielen?“