Mein Name ist Michel

Michel_Banner

Der Mann in der Kneipe, das bin ich. Mein Name ist Michel. Wegen des Jungen aus Löneberga aus dem Lieblingsbuch meiner Mutter, auch wenn er eigentlich, im schwedischen Original, Emil heißt. Ich bin so irgendwie normal groß, sehe sportlicher aus als ich bin und habe dunkle Haare. Ob ich gut aussehe? Ich habe gehört, ich hätte schöne Augen. Da die blau sind, kontrastieren sie toll zur Haarfarbe. Ich kenne Wörter wie “kontrastieren” und kann sie aussprechen. Auch darauf stehen Frauen. Also manche. Solche, auf die ich stehe. Ich bin  jetzt 27. So alt wie Kurt Cobain war, als er sich das Gesicht weggeschossen hat.

Was noch? Ich habe Medienwissenschaften studiert, war ein Auslandssemester in der europäischen Musikhauptstadt London und habe gerade meine Doktorarbeit angefangen (Thema: Inszenierung der Grunge-Revolution durch MTV). Mein Nebenfach war BWL. Was soll ich sagen? Jeder braucht etwas Nützliches. Sagt man so. Wie alle Doktoranden, die überhaupt eine Stelle an der Uni bekommen haben, muss ich mir meine teilen. Mit Jana. Was soll ich sagen? Man kann es sich eben nicht aussuchen. Nebenher arbeite ich bei dem Fernsehsender Phoenix in der Doku-Abteilung. Das ist, ganz ehrlich,  einer der chilligsten Jobs im Medienbuisness ever. Worauf ich stehe: Gute Musik. Also alternative Rock zwischen 83 (meine Geburt) und 94 (Kurts Tod). Englische Filme und amerikanisches Independent Kino. Chucks. Skype. Literatur um 1900. Jean-Paul Sartre. Denken.

Bisher hat bei mir alles immer gut geklappt. Vielleicht zu gut. Ich habe ziemlich straight durchstudiert. Ich war lange mit meiner Freundin, das heißt jetzt Ex-Freundin, zusammen. Auch das lief vielleicht zu gut, alles so – normal. Dann wollte ich mal etwas anderes kennen lernen und sie hat es mitbekommen und dann war Schluss. Das ist jetzt fast ein Jahr her. Ich habe mich damals ziemlich in den Prüfungsstress reingeflüchtet. Das war auch ganz erfolgreich. Somit habe ich ihr sogar irgendwie meine Doktorandenstelle zu verdanken.

Und jetzt sitze ich jede Woche in dieser Kneipe für Leute, die nicht erwachsen werden können, lese Sartre und komm mir unglaublich intellektuell vor. Aber vielleicht bin ich auch nur einsam und verrückt. Habe ich das grade gesagt? Solche Selbstzweifel hab ich in letzter Zeit öfter. Ist schon komisch, hatte ich lange, lange nicht, vielleicht zuletzt mit 21. Doch, irgendwie, es läuft alles, ich bin auch gerne solo, echt, bin ich. Ich habe genug Kohle, habe einen Abschluss und kann über MEIN Thema promovieren. Doch irgendwie ist es das nicht.

Noch etwas, worauf ich stehe? Na, schon in erster Linie auf Frauen. Was für ein Typ Frau? Hm. Die da, die da zur Tür reinkommt und ganz durchnässt ist vom Regen, die kommt dem, was “mein” Typ ist, schon ziemlich nahe …

Ich bin Anna

Anna_Banner

Ich hasse Regen. Und vor allem hasse ich Regen im Herbst. Ich hasse es nass zu werden und es ist kalt und überhaupt. Ich bin übrigens Anna (ja, ich weiß, lustig, A-N-N-A von hinten wie von vorne, nicht das erste Mal, dass ich das höre). Ich wohne über dem Cafe. Das wollte ich schon immer, also über einem Cafe wohnen, so wie man es in schlechten Soaps immer sieht – nicht, dass ich auf schlechte Soaps stehen würde, aber ich fand die Idee immer unglaublich cool. Daher habe ich, als ich eine neue Wohnung brauchte, so lange gesucht, bis ich eine gefunden habe, die über einem Cafe liegt.

Ich hab noch eine kleine Schwester, sie ist erst zehn. Sie ist großartig. Süß, intelligent und kann alles, sogar Geige spielen. Sie ist das Wunschkind meiner Eltern. Ich war nicht so wirklich Wunschkind. Also nicht, dass ich – als meine Mutter erst mal schwanger war – nicht gewollt gewesen wäre, aber ich war eben vorher nicht gewünscht. Meine Eltern waren beide noch ziemlich jung, als sie mich bekommen haben, sie haben beide noch studiert. So war ich eher Stress als Freude. Und da sie wissen, dass ich weiß, dass das so ist, habe ich eben diese große, teure Wohnung über dem coolsten Cafe der Stadt.

Ich bin übrigens 24. Ich studiere Jura im fünften Semester. Ja, erst im fünften. Vorher habe ich nämlich noch drei Semester Mathe studiert. Das war allerdings keine gute Idee, ich weiß auch nicht genau, warum ich das gemacht habe – ich war nie besonders gut in Mathe, dachte aber, dass das in der Schule vielleicht nur am Lehrer gelegen hatte, dass in der Uni alles anders werden würde, aber das wurde es nicht. Ich weiß allerdings noch weniger, warum ich fast drei Semester durchgehalten habe, denn eigentlich wusste ich schon im ersten, dass das nichts für mich ist. Dass ich Mathe einfach nicht mag. Aber ich habe halt, also durchgehalten, und das kann man eben jetzt auch nicht mehr ändern. Ja, und jetzt also Jura. Meine Eltern waren ein bisschen verärgert, dass ich an Mathe so lange festgehalten habe, darum wollte ich was nehmen, was auf jeden Fall bodenständig und sinnvoll ist. Das hört sich ziemlich spießig an, huh? Aber das ist es eigentlich gar nicht, wisst ihr? Ich find die Jura-Püppchen schrecklich und sowieso alle Leute, die das studieren, also habe ich gedacht, ich gehe da mal hin und mische den Laden ein bisschen auf. Gebe immer schön Contra und so. Allerdings hat sich herausgestellt, dass das auch nicht funktioniert, weil irgendwann wird es einfach langweilig und die Jura-Püppchen werden sowieso immer Jura-Püppchen bleiben.

Ich mag Bücher (alles, was sich so finden lässt), Musik (ganz sicher nicht alles, was sich so finden lässt) und manche Menschen und eben das, was dazu gehört, wenn man manche Menschen mag. Ach ja und Kaffee – deswegen ist es wirklich praktisch, dass ich über einem Cafe wohne. Wie ich aussehe? Ich bin schön, würde ich sagen. Normal groß, normal schlank, normale braune Haare – aber schön normal, nicht langweilig. Ich habe keinen Freund, nicht im Moment. Ich hatte immer mal wieder einen, aber nie so lange. Allerdings waren es auch nicht so viele, wie es jetzt vielleicht klingen mag. Mein Traummann war noch nicht dabei. Wer denn mein Traummann ist? Na, Ben. Weil – ihr wisst schon, Ben liebt Anna.