Kapitel 9
Nur mit dir hab ich dieses Gefühl, dass wir heut Nacht unsterblich sind
Die Toten Hosen, Unsterblich
Eine Frau (oder noch ein Mädchen? Wahrscheinlich irgendetwas dazwischen) öffnet die Zugtür. Ein Mann (wirklich bereits mehr Mann als Junge) folgt ihr, in der ersten freien Vierergruppe finden sie Platz. Sie setzen sich gegenüber. Der Zug fährt an, sie schauen durch das Fenster, sehen die Nacht heraufziehen und die Momente vorbeifliegen. Während sie vorüberziehen, ändert sich alles, weil die Nacht alles ändert, alles unter ihren dunklen, warmen Schutzschirm nimmt.
Bei Phoenix kann man viel Zeit damit verbringen im Internet zu surfen, wenn auch immer mit schlechtem Gewissen und damit rechnend, dass einer der Admins irgendwann schließlich doch voller Ermittlerstolz im Türrahmen steht und mit dem Internetverlaufsprotokoll winkt. Beim Stöbern im globalen Dorf bin ich auf die Seite einer Kölner Stadtpostille gestoßen und habe gelesen, dass es als Herbstangebot Führungen im Zoo gibt. Nachts im Kölner Zoo, habe ich gedacht, das ist bestimmt romantisch, die ganzen Geräusche, all die Tiere, die nachtaktiv sind und sonst nur in ihrem Gehege rumhängen,und außerdem war ich lange nicht mehr im Zoo. Zuletzt mit Esther. Aber auch das ist schon eine halbe Ewigkeit her.
Es war Michels Idee in den Zoo zu gehen. Er hatte im Internet gelesen, dass es im Herbst und Winter Führungen am Abend gibt. Nachts im Zoo, furchtbar romantisch und viel schöner als tagsüber. Ich wollte zuerst nicht mitgehen. Meinen letzten Zoobesuch habe ich nicht so gut in Erinnerung – und „nicht so gut“ ist in diesem Fall ein Euphemismus.Das Ganze ist ungefähr sieben, vielleicht auch acht Jahre her, ich war 16 oder 17, Marie also noch ziemlich klein. Meine Eltern wollten unbedingt mit uns beiden in den Zoo. Ich wollte nicht, habe gesagt, ich hätte keine Lust und dass ich ziemlich sicher wäre, dass das langweilig für mich werden und dass ich sicher dann sowieso nur stören würde. Aber meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich mitkomme, haben mich immer weiter genervt. Tagelang. („Für Marie wär es so schön, wenn wir mal alle etwas als Familie machen würden!“) Also habe ich irgendwann schließlich ja gesagt. Eingewilligt mitzukommen. Für Marie. Aber natürlich wurde der ganze Tag eine einzige Katastrophe, so wie ich es mir gedacht hatte. So wie es immer war und ist, wenn meine Eltern etwas als Familie machen möchten.
Wir haben im Zug zunächst lange gar nicht gesprochen, sondern einfach aus dem Fenster geguckt, aber das war keine peinliche Stille, es war das gemeinsame Erleben des Augenblicks. Irgendwann habe ich mich neben sie gesetzt und wir haben unsere Portemonnaies geoutet.
In Annas: das Foto von Marie, die Visitenkarte ihres Vaters, alle Studi-Ausweise, die sie je hatte, eine Karte vom Panther, eine DM-Treuepunkte-Karte, diverse Bonus-Karten, manche doppelt mit nur wenigen Stempeln, von Subway, einer Bäckerei und einem Laden Namens Saint Clair („Was gibt’s da? Bibeln?“ Anna lacht.„Dessous.“ Ich werde rot.)
In meinem: 8 Kassenbons von Discountern. Ein Führerschein mit einem grausig-lächerlichen Foto (halblange Haare, blaue Strähnen), ein Foto von Megan Fox („Ich behaupte immer, das sei meine Freundin.“ „Peinlich.“), ein Foto von Stone und mir in einem Bahnhofsfotoautomaten, auf dem wir betrunken der Linse und der Welt den Stinkefinger zeigen („Anarchie!“ „Peinlicher.”) und eins von Esther (Ich zögere. „Wir sind ja schließlich noch gute Freunde.“ „Am peinlichsten.”) Ein Kondom („Du weißt, Michel, dass die nicht mehr sicher sind, wenn man die immer im Portemonnaie hat?“).
Als wir im Zoo ankamen, war die Stimmung schon nicht mehr passend zum Vorsatz eines harmonischen Familienausflugs. Die Zugfahrt fiel bereits in die Kategorie “stressig”. Ich fand, es war sowieso keine gute Idee mit dem Zug zu fahren, aber meine Eltern hatten darauf bestanden, denn Marie fahre so gerne Zug. Also fuhren wir Zug. Weil eine 2-jährige das so gerne machte. Und als wir dann alle genervt im Zoo ankamen, hatten wir eigentlich schon keine Lust mehr. Aber das wollte natürlich niemand zugeben. Am wenigsten meine Mutter.
Ich wollte unbedingt zum Affenhaus. Denn die Affen waren so ziemlich das einzige, worauf ich mich gefreut hatte. Das habe ich meinen Eltern auch gesagt. Der Rest, also wo wir sonst noch hingingen, war mir eigentlich egal. Ich habe alles mitgemacht, hatte keine besonderen Ansprüche, nur zum Affenhaus, da wollte ich hin. Unbedingt. Aber natürlich, ich hätte es wissen müssen, sind wir nicht zum Affenhaus gegangen.
Warum unbedingt zum Affenhaus, Anna?
Weil sie die besseren Menschen sind.
Das sind eingesperrte wilde Tiere. Die reißen dir deinen Kopf ab, wenn nicht das Glas zwischen euch ist.
Hast du ihre Augen gesehen? Wie sie sich umeinander kümmern und spielen? Sie malen, richtige Bilder, wusstest du das? Und sie können weinen, Michel. Sie können es. Ich habe es gesehen.
Die ganze Zeit haben meine Eltern den „Programmpunkt Affenhaus“ (so hat es mein Vater genannt, mit so einem komischen ironischen Ton) nach hinten verschoben. Immer kam etwas dazwischen; mal war das Affenhaus zu weit weg, mal musste irgendwer auf die Toilette und dann lag auf dem Weg irgendwas anderes, das man sich eher angucken konnte oder Marie hatte Hunger oder Durst oder wollte unbedingt zurück zu den Raubkatzen und dann war es wieder zu weit weg. So ging es die ganze Zeit. Schließlich wurde Marie müde und wir mussten nach Hause fahren. Ich gab mir auf der Rückfahrt nicht besonders viel Mühe mir meine Stimmung nicht anmerken zu lassen. Darüber wurde meine Mutter verärgert. Warum ich denn so schlecht gelaunt gucken würde? Ich wäre bereits den ganzen Tag so negativ gewesen und hätte nichts anderes getan als gemeckert. Sie fragte mich, warum ich überhaupt mitgekommen wäre, schließlich hätte ich einfach zu Hause bleiben können, wenn ich doch das alles so schrecklich finden würde. Ich wusste nicht, wie ich darauf antworten sollte. Ich war geschockt, verblüfft, wie vor den Kopf gestoßen. Ich hätte ihr gerne entgegnet, dass ich nie vorhatte mitzukommen, dass ich das gar nicht wollte. Hätte sie gerne daran erinnert, dass sie darauf bestanden hatte. Dass das einzige, was ich in diesem verdammten Zoo sehen wollte, das Affenhaus war. Aber ich habe nichts gesagt. Ich wusste nicht wie. Ich war wie gelähmt, ein Gefühl der Ohnmächtigkeit machte sich in mir breit. Also habe ich einfach aus dem Fenster geguckt, mich dabei an meine Wasserflasche geklammert, um wenigstens irgendwas zu tun zu haben, während um mich herum das Abteil immer kleiner und enger wurde. Warum nur fällt einem das Atmen manchmal so schwer?
Ja, warum? Wir sind mit dem Auto zum Zoo gefahren, Esther und ich. Zoo bedeutete für mich Kindheit, eine heile Welt, in der Eltern sich nicht streiten, in der man sich vom großen Bruder die Löwen zeigen lässt und ein T-Shirt mit einem dümmlich-niedlichen Halbaffen voller Stolz eine Woche lang getragen wird. Darum wollte ich Esther mitnehmen. Sie war skeptisch. Zoo, eingesperrte Tiere, das sei traurig, zumindest aber politisch unkorrekt und auf jeden Fall nur was für zu alte oder zu junge Menschen. Aber mir zuliebe, ja, da würde sie dann dem Ganzen doch eine Chance geben. Das fand ich gut von ihr, also, dass sie so offen war und sich auf so etwas einließ, trotz ihrer Zweifel. Leider war sie dann schon im Auto nicht so gut gelaunt, irgendwie war sie extrem kritisch an dem Tag. Ich würde zu schnell fahren, ich solle aufhören die Musik von 1live mitzusingen, ich hätte ihr vorher sagen sollen, dass es heute so kalt würde. Die Punkte, die sie nannte, waren zwar alle durchaus kritikwürdig, aber ich fand es trotzdem schade.
Als wir im Zoo ankamen stellten Michel und ich fest, dass man nicht einfach so alleine im Zoo herumlaufen durfte, sondern dass wir an einer Führung teilnehmen mussten. Grundsätzlich sprach da nichts gegen, aber wir wollten nicht nur zuhören, wir wollten auch selbst kommentierten, was wir sahen oder wussten oder erinnerten. Dabei merkten wir, wie immer mehr Leute ihre Köpfe in unsere Richtung drehten, um zu gucken, wer da störte.
„Wie in der Schule, beim Ausflug.“ Ich lachte.
„Oder wie in der Uni in der letzten Reihe.“ Entgegnete Michel.
Esther war in Diskussionslaune. Über das zu kleine Tigergehege. Über nachtaktive Tiere, die nicht genug Rückzugsmöglichkeiten haben. Und über Kindererziehung. Die Kinder im Zoo waren laut und wild, überall rannten sie herum, und eins im Kindergartenalter ist an ihr vorbei und hat sie mit seinen Ketschup-Fingern angefasst, also ihre neue weiße Hose. Das war sicher ärgerlich, aber muss man deswegen direkt eine Grundsatzdiskussion über antiautoritäre Erziehung anfangen? Es war doch vermutlich keine Absicht. Denke ich mal.
Meine Stimmung fing an ins Traurige zu kippen. Aber ich versuchte mich daran zu erinnern, dass es ein schöner Tag werden sollte. Als wir dann neben dem Halbaffenhaus ankamen und außer uns kein Besucher in der Nähe war und Esther so sexy aussah, trotz des Fettflecks, mit ihren langen Haaren und schlanken Beinen, da habe ich sie von hinten umarmt, mich an sie gedrückt und ihr ins Ohr geflüstert, wie sehr sie mich anmache und dass ich sie gern hier und jetzt vernaschen würde. Sie hat sich losgemacht, sich umgedreht und mich angeguckt, herablassend, fast verachtend, und meinte: „Du denkst auch immer nur an Sex, oder?“
Wir ließen uns mit der Zeit immer mehr zurückfallen, so dass wir mit großem Abstand der Gruppe folgten. „Du Anna, sag mal, was willst du eigentlich machen, wenn du fertig mit deinem Jura-Studium bist?” fragte mich Michel plötzlich. Ich blieb stehen. So verwundert war ich, denn Michel hatte mich seit unserem ersten Abend, an dem ich angefangen hatte zu weinen (also nicht an unserem ersten schönen Abend), nichts mehr gefragt, das im weitesten Sinne etwas mit Jura zu tun haben könnte.
Ich blickte ihn lange an, dann sagte ich schließlich: „Ich weiß nicht. Keine Ahnung.“
„Echt nicht?“ Er sah mich an mit erstauntem Gesicht.
„Nein, echt nicht.“
Pause. Keine lange Pause, aber doch immerhin eine spürbare Pause. Er wusste nicht, was er sagen sollte, das merkte ich. Also erlöste ich ihn und ergänzte im Weitergehen: „Das ist doch aber auch noch nicht so wichtig. Ich werde noch eine Weile studieren und vielleicht weiß ich es ja, wenn ich fertig bin. Und zur Not werde ich einfach Bofrostfrau.“ Er brauchte eine Weile bis er meine Anspielung verstanden hatte, aber dann fing er an zu lachen und lief mir hinterher.
Unsere Gruppe war kaum noch zu sehen. Der nächste Programmpunkt waren die Elefanten mit ihrem großen, aufwändig neu gestalteten Gehege im Zentrum des Zoos. Man musste, um es gut einsehen zu können, ein paar Stufen hinunter. Anna war schon unterwegs, drehte sich aber wartend zu mir um. Ich war stehen geblieben und suchte die Umgebung ab, den Spielplatz, dessen Spielgeräte in der Düsternis wie moderne Kunstwerke wirkten, die Bäume und Büsche, deren Konturen alle ineinander übergingen, der Weg, der in einzelne Lichtinseln getaucht war, zwischen denen man hindurchhuschen könnte. Könnte.
Ich hielt Anna meine Hand hin. Sie sah mich überrascht an. Schnell flüsterte ich: „Komm. Zum Affenhaus. Jetzt.“
„Jetzt? Aber zur Tour gehören doch nur die Außengehege!“
„Aber das Affenhaus ist das wichtigste.“ Ihr Blick blieb skeptisch. „Für dich. Komm. Zum Affenhaus.“
Sie zögerte.
„Komm“, ermunterte ich sie nachdrücklich und lächelte sie an. Ich war mir sicher, dass das eine gute Idee war. Bescheuert, aber gut. Und schließlich packte sie meine Hand fest und kam zu mir hoch.
Der Weg war aufregend. Als wären wir 13 sahen wir überall Wächter und einmal meinte Anna, sie hätte einen Wolf entdeckt und wir wären in einem Gehege gelandet. Wir versuchten, so weit es ging, abseits der Wege durchs Grüne und durch die Büsche zu schleichen. Dann, endlich, waren wir am Affenhaus.
„Es ist bestimmt zu“, meinte Anna. Doch ich wusste, dass es auf war. Es fühlte sich einfach zu richtig an, dass wir hier waren.
Anna schlich vor mir, halb hockend, und hielt immer wieder an, um sich umzusehen. Sie sah gut aus. So leichtfüßig. Sie war ganz in dunkle Farben gekleidet, alles zerfloss in dem spärlichen Licht zu einem höchst angenehmen Gesamteindruck, und plötzlich merkte ich, dass ich sie nicht einfach nur hübsch finde. Natürlich war sie hübsch, sogar schön, aber gerade, in diesem Moment, hinter ihr kauernd, meinen Blick auf ihrem Körper ruhend, fand ich sie mehr als das. Ich fand sie sexy und begehrenswert.
In diesem Moment blickte Anna sich um, lächelte, und sagte: „Das ist das Aufregendste, das ich seit langer Zeit gemacht habe.“
Michel hat recht. Die Tür ist offen. Wahrscheinlich muss das so sein. Es passt, wie in einem Film. Es ist niemand da. Zumindest kein Mensch – und plötzlich ist es ganz einfach zu schweigen. Wir sitzen eine ganze Weile im Affenhaus auf der einzigen Bank, die wir gefunden haben, und beobachten die Orang-Utans.
Sie haben natürlich nicht geweint. Dennoch habe ich dir in diesem Moment einfach geglaubt, dass sie es tatsächlich können, dass sie vielleicht wirklich die besseren Menschen sind.
Ach Michel, du wolltest es in diesem Moment doch nur glauben, weil du es mir glauben wolltest.
Aber das ist das, was zählt. Ganz gleich, ob es wahr ist oder nicht, manchmal muss man einfach versuchen zu glauben.
Vielleicht mag ich die am liebsten von allen Affen. Die Orang-Utans. Denn wenn man genau hinguckt, sieht man, dass sie den Menschen zwar ähnlich sehen, aber meist viel schöner sind, denn ihr Blick ist gutmütiger, wie der von ganz kleinen Kindern oder sehr alten, zufriedenen Menschen. Und gleichzeitig sehen sie unfassbar dämlich aus.
„Wie schön es wäre, wenn wir heute Nacht einfach hier bleiben könnten“, spreche ich laut aus, was ich denke.
„Bist du verrückt? Ist dir der Geruch noch nicht aufgefallen?“ Er sieht mich an.
Meine Aussage belustigt ihn, das kann ich sehen, aber ich zucke nur mit den Schultern. „Ich glaube, da gewöhnt man sich dran. Ist doch jetzt schon viel besser als vorhin, als wir reingekommen sind. Ich wollte das immer mal machen. Ganz nah bei den Affen. Aber das geht wohl nicht.“
Mein Blick huscht etwas wehmütig zu einem der Orang-Utans, der gelassen an einem Seil hängt und uns zu mustern scheint.
Michel sieht mich an. „Warum nicht? Wenn du willst, dann bleiben wir hier.“
Diesmal sehe ich in ihn fragend an, aber er antwortet, bevor ich meinen Mund öffnen kann. „Ich glaube nicht, dass wir erwischt werden. Ganz ehrlich, ich habe sowieso das Gefühl, als könnte uns heut Nacht nichts passieren.“
Wir schweigen wieder. Die Affen ignorieren uns, die meisten schlafen, aber manche wälzen sich plötzlich wild herum, stehen auf, hangeln sich, beindruckend graziös und geschmeidig, so geschmeidig, wie Anna sich bewegen kann, an einen anderen Schlafplatz. Dort schlafen sie sofort wieder ein, als hätten sie nicht gerade eine akrobatische Höchstleistung vollbracht. Und zu meinem Erstaunen kuschelen sie miteinander. Es gibt einen Haufen, wir sind uns nicht einig, ob es drei oder vier sind, die dort zusammen liegen.
Anna lehnt sich an mich. Ich nehme sie in den Arm. „Du, ich fühl mich so leicht. Dieses Gefühl hatte ich lange nicht mehr. Ich will nicht, dass morgen wird“, meint sie leise mit großem Ernst in der Stimme.
„Ich weiß, was du meinst.“
Das weiß ich tatsächlich. Auch ich fühle mich leicht, alles scheint so unkompliziert, so unwirklich. Und weil es nicht wirklich ist, nehme ich ihren Kopf in meine Hände und lehne meine Stirn an ihre. Ich kann sie riechen, ihren Anna-Geruch, der, weil er so sehr Anna ist, allen Affengestank vertreibt. So nah fühle ich mich ihr, dass unsere Wangen fast von alleine aneinander vorbei streichen, während ich ihre Haare und ihren Hals zum ersten Mal ganz bewusst rieche und diese neue Anna-Sinnlichkeit begierig in mich einsauge. Ich habe meine Augen geschlossen. (Anna erzählt später, sie haben ihre zunächst geschlossen, dann aber doch geöffnet, denn sie habe alles wahrnehmen wollen.) Meine Lippen können ihre bereits spüren, ohne dass sie sich tatsächlich berühren, nur noch einen Moment entfernt. Ich ignoriere die ängstliche Stimme in meinem Kopf, die mir Warnungen zuruft, dabei jedoch dumpf und weit weg klingt, die sagt, dass das nicht gut gehen kann, dass das eine schlechte Idee sei, dass wir Freunde sind, ich auch nicht mehr für sie sein werde. Aber ich, ich weiß, dass ich sie jetzt küssen will.
Da kracht mit einem lauten Wumms der Orang-Utan gegen die Scheibe. Dort hängt er nun an seinem Seil und grinst uns an, als hätte er absichtlich den Moment zerstören wollen. Und schon stößt er sich wieder ab und ist weg, genau wie der Moment, der einen Unterschied hätte machen können.Wir lösen uns, rücken wieder etwas auseinander und sehen uns nicht an, sehen zu den Affen.
Später in der Nacht greift Anna wieder meine Hand und so sitzen wir lange da und irgendwann schläft sie mit ihrem Kopf in meinem Schoß ein. Ich sehe sie an und weiß, dass der Moment vorüber ist, aber nicht mein Wunsch, sie zu küssen.
Ich habe lange gedacht, Michel, es hätte vielleicht nur an der Nacht gelegen, an dem besonderen Moment, dort zusammen im Affenhaus. Vielleicht hat irgendein Teil von mir gehofft es wäre anders, hat es fast geglaubt, glauben wollen, dass es nicht nur das Besondere der Nacht war, doch dann kam der Morgen danach und du hast mich enttäuscht.
Ja, als der Morgen kam, war alles anders.
Es hätte nicht anders sein müssen.
Ich weiß. Denn es stimmt: man kann nichts dafür, was man fühlt, aber man kann etwas dafür, wie man damit umgeht.
Und wer weiß, wärest du anders mit deinen Gefühlen umgegangen als du es getan hast, vielleicht wäre dann alles nicht so gekommen, wie es gekommen ist. Vielleicht hätte ich mich getraut zu springen.

