Sommer 2010…

...der zweite.

MichelSpiel nicht mit den Schmuddelkindern
Ein wenig tragisch ist es schon, dass diejenigen, die für Volksentscheide sind, dann mit Ergebnissen konfrontiert werden, die sie dem aufgeklärten, mündigen und vernunftgesteuerten Bürger nicht zugetraut hätten. Doch ist es nicht vernünftig, die eigenen Interessen konsequent zu vertreten und die eigene Kampagnefähigkeit zu nutzen für die Partikularinteressen seiner sozialen Gruppe? Und wenn jemand nicht will, dass seine hochbegabten Kinder länger als 4 Jahre mit den Schmuddelkindern aus der Krachmacherstraße spielen müssen, dann kann er dafür ja wohl auch eintreten. Auch im Wissen, dass Sophie aus dem Ärztehaushalt eine vielfach höhere Chance hat bei gleicher Leistung wie Ahmed aus dem Arbeiterhaushalt, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen. Verwunderlich ist dabei nur, dass gar nicht zu hören war beim Hamburger Volksentscheid, dass man Kinder ausgrenzen möchte, nein, natürlich ist es für den Hauptschüler viel besser auf die Hauptschule zu gehen. Interessant, dass das Argument fast ausschließlich von denjenigen genannt wird, die nie eine Hauptschule von innen gesehen  haben und deren Kinder dank sozialem Level auch niemals mit einer Hauptschulempfehlung die Grundschule verlassen würden. Nun, immerhin ist man an der Stelle dann doch ehrlich, wenn man anmerkt, dass die eigenen leistungsstarken Kinder von den leistungsschwachen doch bitte nicht ausgebremst werden sollen auf dem Weg zum Juraexamen. 4 Jahre soziales Lernen und Lernen durch gegenseitiges Lehren müssen reichen, keine weiteren Experimente, bitte, sonst verlieren wir noch den Anschluss an die Weltelite in Wissenschaft und Wirtschaft. Die bekanntlich in den USA sitzt. Moment mal. Die amerikanische High School ist ja eine Gesamtschule…

Off
Neulich wollte Anna mit mir abends einen Film gucken. Es regnete und ich hatte keine Lust mehr loszuziehen, eine DVD zu leihen, aber mein einer, nerdiger Mitbewohner meinte, das wär doch kein Problem und öffnete eine Seite im Internet, um dort nach einer guten Stream-Version zu suchen. Anna schaute fragend, ob das nicht illegal sei, was einen Kurzvortrag über das antiquierte deutsche Urheberrecht und den Unterschied von Download und temporären Dateien zur Folge hatte. Also schauten wir den Film per Live-Stream. Zumindest eine Weile. Bei 80%, gerade sollte enthüllt werden, ob sie sich denn nun für den soliden Langweiler oder den Bad boy mit Herz entscheiden würde, brach der Stream ab. Und kam auch nicht wieder. Zusammen mit der Standleitung hatte er sich für den Rest der Nacht verabschiedet. Nach einigen Flüchen und Rettungsversuchen habe ich mich seufzend neben Anna gesetzt, die mich ansah und meinte, sie würde dann doch lieber eine DVD in der Hand haben als einen Stream im virtuellen Raum, ich wäre ihr schließlich auch lieber in echt als in einer Webcam.

Wisst ihr was? Früher fand ich die Leute nervige Fortschrittsverweigerer, die lieber noch Platten kaufen als CDs. Heute bin ich einer von ihnen geworden, wenn auch eine Generation weiter. Also, ob die Silberscheibe CD, DVD oder Blue-Ray heißt, ist mir egal, aber ich bin da genau wie Anna, ich will etwas in den Händen halten, mein Film soll im Regal stehen können und nicht nur im Internet, für jeden zugänglich und abrufbar, aber doch nur virtuell da. Ich möchte CDs hören und nicht nur mp3s, erzählt mir nicht, man würde den Qualitätsunterschied nicht hören, ich will das ganze Lied, nicht seinen komprimierten Klon, das Unbewusste hört mit. Ich möchte face-to-face-communication statt Buschfunk und eigentlich möchte ich nicht face-to-face-communication sagen, sondern Gespräch. Konservativ? Von mir aus. Ich bin 27. So alt war Kurt Cobain, als er sich das Gesicht weggeschossen hat. Ich geh dann mal off, raus aus dem Blog, mir ist gerade etwas eingefallen, das ich in mein Tagebuch schreibe.

Sommer 2010

Denn ist es Juli.

MichelAnpfiff
Da steht man in der Bahn und hört den einen oder anderen Nebenmann oder -frau fragen: „Wie ist es ausgegangen?“ und überlegt, wer denn heute gegen wen spielt, bis klar wird, dass das Spiel Koalition gegen Rotgrün heißt und es gar nicht um Fußball, sondern um die Bundespräsidentenwahl geht. Selten war ein so langatmiges Procedere, bei dem der Spiegel-online-Live-Ticker im Zweistundentakt tickerte, so spannend. Interessanter Weise ging es den meisten bei ihrer Parteinahme für die Opposition tatsächlich nicht um eine Anti-Wulff-Haltung, mit ihm können anscheinend viele gut leben – schnöselig-dauerlächelnder Kleinster-gemeinsamer-Nenner- Schwiegersohn-Typ eben –  sondern mehr um eine Pro-Gauck-Sympathie-Welle und am meisten um eine Anti-Regierungsstimmung. Aber auch David und Goliath hatten ihren mythischen Kopf gehoben: Würde die mehr als deutliche absolute Mehrheit ausreichen oder der Außenseiter den Sieg erringen gegen die Übermacht? Nun, gewonnen hat er nicht, aber es gibt Verlierer, die die gefühlten wahren Gewinner sind und Gewinner, die sich in den Abgrund gesiegt haben.

PS: Rüttgers ist übrigens so gut wie weg.

Tor
Mein einer, frauenverbrauchender Mitbewohner und ich lieben Fußball, vor allem, wenn die Nationalmannschaft spielt.  Mein anderer, düstermusikliebender Mitbewohner hingegen weiß weder, wer an der Tabellenspitze steht, noch,  in welcher Liga sich gerade Köln befindet und erst recht nicht, dass Mourinho Trainer von Real Madrid ist. Nein, König verweigert sich standhaft der Fußballbegeisterung, er findet Deutschland irgendwie doof und unser nationalfarbendekoriertes Wohnzimmer furchtbar.  Er straft uns mit Verachtung, wenn wir beide zusammen mit  Anna  im Wohnzimmer sitzen; mit den Uwe Seelers in der Hand und der Leidenschaft im Bein, mit den Chips und dem Kölsch griffbereit.  Mit einer Musikzeitschrift in der Hand hockt  er dann da, erklärt, er würde hoffen, dass die anderen gewinnen und versenkt  sich dann scheinbar tief in seinen Artikel.  Ganz zufällig ist er also beim Anpfiff anwesend, als Argentinien gegen Deutschland spielt, hebt dann doch den Kopf, fragt, bei wem denn dieser Khedira spiele, bei uns oder den anderen. Ich beginne mich aufzuregen, doch dann fällt schon das 1:0 und unser Wohnzimmer, unser Haus, unser Viertel vibriert  vor Jubelrufen und ich traue meinen Ohren  nicht, als ich König plötzlich „Tor“ schreien höre. Erstaunt sehe ich ihn an, betroffen verkriecht er sich im Sessel und weiß offenbar nicht so recht, was er nun tun soll. Anna lächelt, beugt sich zu ihm herüber und reicht ihm die Schüssel mit Chips. Langsam nimmt er sich eine Hand voll, dreht sich wieder zum Fernseher und verfolgt mit uns das beste Spiel, das eine deutsche Mannschaft seit langer Zeit abgeliefert hat. 56-74-90-2014.

Abpfiff
Seit ich 12 bin, damals noch mit meinen Eltern, besuche ich jedes Jahr die Rheinkultur, ein Umsonst-Open-Air-Festival mit mehreren Bühnen in den Bonnern Rheinauen. Ich liebe die friedliche Stimmung dort, das bunte Publikum und die gute Musik (letztes Jahr: Selig, dieses Jahr: Max Herre). Auch am ersten Julisamstag 2010 war es wie eigentlich jedes Jahr. Man kann die Macht von Modetrends beobachten (Hot-Pants-Jeans. Deutschlandfarbenaccessoires. Mittelang-Surfer-Frisuren), gemütlich die frische Luft genießend auf den Hügeln liegen und sich in vielfältiger Weise ungesund ernähren. Und wie immer ist es entweder zu heiß oder zu nass. So auch heute. Erst werden alle Shirts von innen, dann von außen durchnässt, der Boden nähert sich Woodstock-Verhältnissen, doch mir ist das nur recht,  ich muss diesmal sowieso zwischendurch nach Hause. Duschen. Mich umziehen. Und mit Anna, den Jungs, Chips und Bier im schwarzrotgoldigen Wohnzimmer sitzen, wenn der Anpfiff für das Deutschland-Spiel erklingt. 3 Minuten später fällt das 1:0 dank des Mannes mit der Nummer 13,  3 Stunden später bin ich wieder auf der Rheinkultur und warte mit Anna auf den Mann, der schon vor mir erkannt hat, dass sie das Regenmädchen ist.  Umsonst und draußen. Immer wenn es regnet.  … werden wir Weltmeister sein!

Mai 2010

Satelliten. Und so.

Anna_SchuheLena goes hollywood – jedenfalls in etwa.
Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als ich das erste Mal Unser Star für Oslo geguckt habe und als das erste Mal Lena auf der Bühne stand: Sie war die Letzte der zehn Kandidaten, die alle zwar nicht schlecht gewesen sind, doch denen allen das gewisse Etwas gefehlt hat. Sie stachen nicht heraus, konnten sich nicht von der Menge absetzen, nicht erkenntlich machen, dass sie, ja sie, etwas außergewöhnlich Neues an sich hatten. Doch dann kam Lena und als sie anfing die ersten Töne zu singen und so zu tanzen, wie sie es eben nun mal tut, stoppte ich die Unterhaltung, die ich gerade führte, und sagte: „Die ist gut.“ Ja, und das war sie. Gut. Und das ist sie immer noch. Gut.

Gut darin andere Menschen zu verzaubern und aus der Masse herauszustechen und dabei trotzdem nicht so anders zu sein als andere 19-jährige.

Und sieht sie nicht auch ein wenig aus wie ich? Ein bisschen tut sie das, habe ich gehört. Wie ich, nur anders.

Wenn am Samstagabend nur ein paar der Millionen Zuschauer das Gleiche gedacht haben, wie ich beim ersten Mal, als ich Lena sah, dann weiß ich, warum sie gewonnen hat.

Aber trotzdem ist für mich manchmal der Oslo-Traum nicht ganz so unantastbar glänzend, wie er mitunter scheint. Denn dann sehe ich die junge Frau Lena an und kann nur hoffen, dass sie es ernst meint, wenn sie sagt, dass das alles nicht das wahre Leben sei. Denn das ist es nicht, das wahre Leben. Wer hoch fliegt, kann tief fallen. Der Hype hält nicht ewig an und das gut durchdachte System, das einem zum Ruhm verhalf, muss sich dann vielleicht auch wieder vermehrt um andere Dinge kümmern.
Nicht wahr?

Doch heute ist heute. Anfang der Woche. Der Tag nach dem Wochenende, an dem Lena 246 Punkte für Deutschland gewann.

Was war noch?
BP kann das Loch nicht schließen – und den Vorschlag mit der Atombombe wollen sie auch nicht annehmen.

NRW ist immer noch so schlau wie am 10. Mai 2010, zumindest was das Bilden einer Regierung angeht. (Ein Sitz? Seufz.)

Koch geht in die Wirtschaft und der Bundespräsident möchte nun auch nicht mehr. Wollen wir nur hoffen, dass Koch bei seiner neuen Berufsorientierung bleibt und nicht etwa Bundespräsident werden will. Denn dann müsste ich auswandern.

April 2010

Fertig? Los!

MichelChoose, but choose wisely
Anna und ich kommen aus Deutschlands bevölkerungsreichstem Bundesland und dort findet nächste Woche die einzige Landtagswahl dieses Jahres statt. Ich habe mich darauf gefreut, als ich zum ersten Mal wählen gehen durfte, und mag auch jetzt noch die Stimmung im Wahllokal, wenn man seine Stimme abgibt und seinen Umschlag in die Wahlurne wirft. Ich kenne allerdings viele Menschen, die nicht wählen gehen.
„Weil es nichts bringt.“ Aber stimmt das denn?

Nein, tut es nicht, denn es bringt etwas. Natürlich. Um das zu sehen, muss man es nur aus einem historischen Blickwinkel betrachten, denn im Alltag fällt vielen gar nicht auf, dass ihre Schule, ihre Straße, ihr Park, ihre Kita, ihr Jugendheim, ihr Schwimmbad, ihr Leben sehr wohl von politischen Entscheidungen abhängt und von den Prioritätensetzungen und Vorstellungen der Handelnden. Die Politik der 60er war anders als die der 70er und die anders als die in den 80ern und 20 Jahre später ist wieder vieles anders. Beispiel Bildungspolitik: Längeres gemeinsames Lernen oder nicht? Eher fördern der bildungsfernen Schichten oder eher gezielte Elitenbildung? Studiengebühren oder nicht? Das ist doch nicht alles dasselbe.

Für mich ist es immer wieder spannend bis zum letzten Tag, denn ich kann mich oft erst in der Wahlkabine entscheiden, ob jetzt rot oder grün. Mein persönliches Hauptziel bei dieser Wahl ist jedoch unter dem charmanten Schlagwort „Rüttgers muss weg“ zusammenzufassen. Vielleicht klappt es ja, wenn alle wählen gehen.

Aber vielleicht hat jemand das Problem, das ich habe: Einen WG-Mitbewohner, der nicht wählen gehen möchte, weil er a) keine Ahnung von Politik habe und b) das Wetter so schön sei, dass man besser den Tag im Park mit einem Kasten Bier verbringe. Für solche Fälle habe ich folgende strategische Überzeugungstipps:

- Wählen als ganzheitliches Happening. Zusammen mit Freunden zum Wahllokal gehen, wählen, und auf dem Rückweg ein Eis essen, nachmittags gemeinsam grillen oder Pizza machen und sich abends zusammen über die Hochrechnungen aufregen.

- Wählen als Wettkampf. So wie beim Fußball ist es auch beim Wählen langweilig, wenn man nicht weiß, für wen man ist. Also die Guten und die Bösen benennen und farblich zuordnen und dann für sein Team mitfiebern.

- Wählen als Wellenbrechen. Nichtwählen ist in? Dann mal los, schwimmen gegen den Strom macht doch erst so richtig Spaß. Gemeinsam den Trend umkehren und den neuen Trend setzen. Wählen als In-Sport und Fun-Event. Mein Land, meine Stadt, mein Viertel.

Und wenn das alles nicht fruchtet und der besagte WG-Mitbewohner lieber den Tag im Bett mit irgendeiner Chica verbringen will, dann muss es doch die Moral richten, es hilft nichts: Menschen sind dafür gestorben, dass wir heute wählen dürfen. Wir sind es ihnen schuldig, dieses Recht, für das jahrhundertelang gekämpft wurde und für das in einigen Ländern auch heute noch gekämpft und gestorben wird, zu ehren und wahrzunehmen.

Aber ich weiß, es wird auch dieses Mal so sein, wie jedes Mal: Nörgelnd wird mein Mitbewohner aufstehen, sich anziehen und dabei drohen, er würde jetzt seiner Herkunft gemäß
– Upper Class – „Guidos Volkspartei“ wählen gehen. Und ich werde zögern und mir überlegen, ob selbst das besser ist als nicht wählen oder ob ich ihn mit dem Six Pack im Kühlschrank doch zum Zuhause bleiben animieren sollte. Doch er wird mein Zögern bemerken und mir einen finsteren Blick zuwerfen: „Komm schon, Buddy, Was soll das? Für wie scheiße hältst du mich eigentlich?“ Auch wieder wahr.

Asche zu Asche
Anna meinte, ich müsse unbedingt etwas zur Aschewolke bloggen, das sei zu lustig gewesen, wie plötzlich der gesamte Flugverkehr lahmgelegt wurde von einem isländischen Naturereignis. Ich wollte ihr ja gerne den Gefallen tun, zumal das sicher das beherrschende Thema des Aprils war, nur: mir fiel überhaupt nichts ein dazu. Irgendeine Mensch vs. Natur-Abhandlung nach dem Motto im Zweifel gewinnt die Natur gegen unsere Technik ist mir zu klischeehaft. Gute Texte über Aschewolken habe ich in meiner CD-Sammlung auch nicht gefunden und Witze auf Kosten der gestrandeten Kanzlerin sind doch arg billig. Tagelang ging ich mit dem Thema Aschewolke schwanger und mein Gemüt verdunkelte sich langsam wie der Himmel über mir, und selbst dass inzwischen jeder irgendwen kannte, der irgendwo im Ausland festhing, half mir nicht weiter.

Bis ich an der Haltstelle der Bahn stand, die mich zu Anna bringen sollte. Denn neben mir wartete eine junge Mutter mit ihrem so etwa 7-jährigen Sohn. Der Junge blickte auf einen dieser roten Kästen, aus denen uns das gesunde Volksempfinden jeden Tag mit großen Lettern entgegenschreit. Seine Stirn runzelte sich und sein Ausdruck nahm Abscheu und Missbilligung an. Neugierig geworden drehte ich mich zu dem Zeitungskasten um. Zu sehen war dort eben jener isländische Vulkan, aus einer Luftaufnahme von oben, und so bearbeitet, dass er wie ein Totenschädel aussah. Darüber stand irgendwas von Asche-Monster.

„Warum sieht der Vulkan aus wie ein Ungeheuer?“ empörte sich der Junge nun.
„Der ist kein Ungeheuer. Das ist einfach nur ein Vulkan.“ Und dann seine zufriedene Schlussfolgerung: „Die Zeitung sollte man besser gar nicht erst kaufen.“

Nun, eine gute Sache hat der Vulkanausbruch also auf jeden Fall erreicht; einen potentiellen Käufer der bekannten Tageszeitung weniger.
Ja, der ist nämlich gar kein Monster, der Vulkan. Und ja, die lügen.

Happy birthday

R.E.M.

Anna_SchuheDer Band, von der alle mindestens zwei Songs kennen, und der Band, die die Meisten eigentlich viel zu wenig kennen.

R.E.M. Das waren Bill Berry, Peter Buck, Mike Mills und Michael Stipe.

R.E.M. Das sind Peter Buck, Mike Mills und Michael Stipe.

R.E.M. Die diesen Namen haben, weil Micheal Stipe ihn zufälligerweise in einem Wörterbuch fand. Ein Zufall also, aber einer, der ziemlich gut passt. R.E.M. Rapid Eye Movement. Die Schlafphase, in der man am meisten träumt und die doch dem Wachzustand von allen am ähnlichsten ist. Beta-Wellen. Puls. Blutdruck.

R.E.M. Die in einer Kirche in Athens ihr erstes Konzert gaben. Ein Geburtstagskonzert für eine Freundin. Die Set-List bestand zum größten Teil aus Cover-Songs.
Vor 30 Jahren, am 5. April 1980.

Und heute. Hier. 30 Jahre später.:
R.E.M. Die beste Band der Welt.

„So? R.E.M., die beste Band der Welt? Warum?“
„Warum nicht? Hör‘ es dir doch an, dann weißt du warum.“
„Nenn‘ mir drei Gründe.“
„Auf keinen Fall!“
„Doch. Bitte!“
„Hier:

Micheal Stipes Stimme. Die schönste von allen.
Micheal Stipes Texte. Die besten von allen. Ganz ehrlich. Das ist Lyrik. Hoffnungsvoll und todtraurig zugleich und doch ist sie da, wieder, die Hoffnung. Wenn du sie hören willst.
Stipe klingt als wäre er frei.
Die Musik von Peter und Mike, die einen mitsingen lässt, wenn es Micheal nicht tut, wunderschön in ihrer Vielfältigkeit. Düster. Fröhlich. Kraftvoll. Hier. Jetzt. Um mich herum.

R.E.M. Um mich herum. In mir drinnen. Überall. Hier. Jetzt. Morgen und Übermorgen.

Deswegen eben.“

„Und die besten 5 Songs?“
„Hör‘ sie dir an. Dann findest du fünf. Es ist nicht nötig, dass ich sie dir suche.“
„Nur für den Anfang.“
„Auf keinen Fall!“
„Doch. Bitte!“
„Hier:

Lotus. (Rette mich vor mir selbst. Doch wer tut es, wenn nicht ich? Niemand.)

Leave. (Deswegen eben lohnt es sich.)

Let me in. (Den hat Michael für seinen Freund Kurt Cobain geschrieben. Sagt er zumindest. Doch ganz gleich, was er sagt. Es fühlt sich so an als wäre er auch ein bisschen für mich. Und für dich, wenn du willst.)

Losing my religion. (Der Song, der sie unsterblich gemacht hat. Nicht ohne Grund.)

Walk unafraid. (Tust du’s? Ich tu’s oder versuche es zumindest. Möchte es.)“

Erzähl es nicht Drive, das er nicht in der Top-5 auftaucht.
Sag es nicht So fast, so numb und World leader pretend.
The one I love kann es vielleicht ertragen. Wird er doch als Ausgleich bei fast jedem Konzert gespielt.
Sing for the submarine – da weiß ich es nicht.

Ich wünschte, ich dürfte mehr nennen. Die Liste verlängern. Um 5 oder um 10. Ich könnte es. Sofort. Es tut fast weh es nicht zu tun. Die Songs toben in meinem Kopf rum, wollen heraus, fühlen sich ungerecht behandelt. Springen. Tanzen. Doch das tun sie sowieso immer. Dafür sind sie gemacht.

Dafür und für viel mehr.

Happy birthday, R.E.M.
Und: Danke sehr.

März 2010

Frühling, Baby!

Michel Anna für Oslo
Meine Zeit, so war ich mir sicher, würde ich nie damit verschwenden, mich mit Casting-Shows zu befassen weder im Blog noch abends vor dem Fernseher. Egal, ob es sich um die RTL-Variante für soziale Härtefälle oder um eine ihrer zahlreichen Clones handelt.
Ich gucke so etwas nicht, dafür mag ich Musik zu sehr. Diese Überzeugung konnte natürlich nur eine Person ins Wanken bringen. Anna. An einem Abend im März, als ich missmutig durch das Fernsehprogramm zappte, hielt mein Zeigefinger plötzlich auf der Fernbedienung inne, weil sie auf meinem Bildschirm erschien. Sie sang einen großartigen Frauen-Indie-Pop-Song und es klang originell und authentisch und sie bewegte sich nicht wie eine Nachtclubtänzerin, die nur mein Geld haben will, sondern so, wie Anna eben tanzt. Gleichzeitig zurückhaltend und enthusiastisch, ganz bei sich und nicht für andere. Da war sie also, meine Anna, und sie hatte sich Lena genannt. Fasziniert saß ich vor dem Fernseher, beeindruckt von der Performance und dem Musikgeschmack der Frau, die nachnamenstechnisch auf den Spuren von Müller-Westernhagen wandelt, sonst aber – Gottseidank – nur die Nationalität mit ihm gemeinsam hat.
Es ging nicht anders. Ich musste diese Show weiter gucken, musste dabei überrascht feststellen, dass in der Jury mitunter Menschen saßen, die Musik mochten, die von Musik Ahnung hatten und deren Kritik sich nicht darin erschöpfte, das gute Aussehen der Kandidaten festzustellen. Bis zum Finale habe ich ihr die Daumen gedrückt und zugeguckt und ja, ich gestehe, ich habe für sie angerufen. Mein erstes Mal. Ich bin nicht durchgekommen. Aber LenAnna ist auch ohne mich nach Oslo geschickt worden.

Anna sagt übrigens, sie sähe ihr gar nicht so ähnlich, diese Lena. Zu groß. Zu jung. Zu pausbäckig. Und ein wenig abgehoben sei sie auch schon. Ja, Anna, aber von allen Frauen, die sich im Fernsehen tummeln, sieht sie dir eben doch am ähnlichsten. Und jetzt lernt ganz Europa sie kennen und wenn mich jemand fragt, wie es denn aussieht, mein Regenmädchen, dann kann ich sagen: Ein wenig wie Lena vom Eurovision-Contest. Nur anders.

90 Prozent
Meinen Zivildienst (natürlich …) habe ich in einer Einrichtung für behinderte Kinder geleistet. Daran musste ich denken, als ich neulich in einem Bericht bei Spiegel-Online gelesen habe, dass sich 90 Prozent der Mütter, die die Diagnose erhalten, dass ihr Kind Down-Syndrom hat, für eine Abtreibung entscheiden. 90 Prozent. Ich weiß, dass dies ein schwieriges Thema ist, man ist schnell in der politisch falschen Ecke, aber in dieser Diskussion gibt es ein Argument, das ich nicht akzeptieren kann; nämlich dass es für irgendeinen Menschen besser wäre, nicht geboren zu werden. Wer will das entscheiden? Aus welcher Perspektive wird da in Wahrheit geurteilt? Ich kann das Argument nicht nachvollziehen, wenn es um die 15-jährige geht, die auf Sozialhilfe angewiesen ist, und ich kann es ebensowenig verstehen, wenn es um das Down-Syndrom geht. Liebe, die man einem Kind gibt, sollte nicht abhängig sein vom Alter oder vom sozialen Background oder von sonst irgendetwas. Und wenn sich die 15-jährige mit einem Kind überfordert fühlt oder die 40-jährige mit zwei Kindern vom Down-Syndrom beim dritten Kind, dann verstehe ich das – aber es gibt die Möglichkeit, das Kind zur Adoption freizugeben, es gibt Unterstützung vom Staat, von den Kirchen und von freien Trägern. Dort, wo ich meinen Zivi gemacht habe, war auch ein Mädchen mit Down-Syndrom. Ich könnte jetzt aufzählen, was sie alles konnte oder mochte. Aber darum geht es ja gar nicht, wie „normal“ oder wie glücklich sie war. Wer kann schon sagen, wie „normal“ jemand sein wird in seinem Leben oder wie glücklich – ganz gleich, ob (körperlich) gesund oder eben nicht? Und wer will beurteilen, wann ein Leben lebenswert ist? Die Eltern von diesem Mädchen gehörten jedenfalls nicht zu den 90 Prozent.

Nie zu spät für gute Musik
Wir haben April und es ist viel zu spät für einen Jahresrückblick, aber im Januar gab es unseren Blog noch nicht und Musik ist für Regenmädchen so wichtig, da kann ich nicht anders, als doch zumindest drei Songs aus dem Jahr 2009 zu nennen, die man auch 2010 kennen muss.

„Got some“ (Backspacer) von Pearl Jam, der letzten großen Grunge-Band. Der beste Song auf ihrem besten Album seit langem. Eddie Vedder sang das Lied im Panther an dem Abend, an dem ich Anna zum ersten Mal getroffen habe, kurz bevor sie die Bar (Anna meint: das Cafe) betrat und den Regen mitbrachte.

„Auflösen“ (In aller Stille) von den Toten Hosen. Die einen werden die Augen verdrehen, weil die Hosen nicht originell genug sind, um sie hier zu nennen, die anderen, weil es ausgerechnet der ruhige Song von dem Album ist. Egal, bei mir erzeugt er jedes Mal eine Gänsehaut. Der Text ist der Beste, den Campino je geschrieben hat, und er hat viel mit Anna und mir zu tun.
„Wenn wir uns jetzt auflösen sind wir mehr als wir jemals waren.“

„Schau Schau“ von Seligs Comeback-Album „Endlich unendlich“. Unterwegs mit Anna in Stones weißem 3er-BWM mit dem Playboy-Bunny auf der Motorhaube lief dieses Lied und ich habe Anna gesagt, dass Jan Plewka von ihr singt, wenn er sagt: „In manchen Augen spiegelt sich das Universum unendlich“. Deutschlands beste Rockband sind wieder Selig. Deutschlands beste Rockband ist Selig.

Februar 2010

Nicht anders als erwartet...

…und doch mit kleinen Überraschungen.

Michel Da sind wir dabei
Na, war das mal wieder kalt? Und natürlich lag auch wieder Schnee und natürlich gab es tagsüber wieder Minusgrade. Wie nennt man diese Jahreszeit? Richtig. Karneval. In 9 von 10 Jahren ist Karneval klimatisch so wie dieses Jahr. Vereist und verschneit. Mein Schock-Erlebnis Nummer 1 dabei: eine junge Frau verkleidet als Lara Croft. In Hotpants. Brrr. Aber vielleicht hat die dünne Nylonstrumpfhose ja doch wärmer gehalten als man so denken würde? Das Zittern war sicher nur Auswirkung des Alkoholkonsums und die Blasenentzündung ist sowieso längst chronisch. Nichtsdestotrotz hier nun mein Vorschlag, was man unternehmen kann, damit jeder tragen kann, was er will (oder was er nicht will), und generell um Karneval angenehmer zu gestalten: Wir tauschen einfach! Karneval wird auf den 24.12. gelegt, denn da ist nie Schnee, garantiert nicht, und dafür feiern wir Mitte Februar Heiligabend und haben endlich, endlich weiße Weihnachten.

Wellenbrecher
Apropos tauschen. Welchen Minister der derzeitigen sogenannten Regierung würdet ihr am liebsten austauschen? Na? Sehr erstaunlich, wie schnell der Volkspartei der Besserverdienenden der Gegenwind ins Gesicht bläst. Aber Westerwelle-Bashing ist heute schon fast Mainstream und das kann einem ein wenig Sorgen bereiten. Nachher haben die Menschen noch Mitleid mit der 3-Punkte-Partei und das wäre dann eine unpassende Regung in diesem Zusammenhang. Und noch mal apropos: Am 9. Mai ist Landtagswahl in NRW.
Nun, wären Anna und ich reale Personen mit Personalausweis und so, dann würden wir hingehen. Sind wir aber nicht, deswegen erwarten wir, dass ihr das für uns tut!

Whatever happend to the 90s
Jetzt wird es ein wenig persönlich, denn das ist mein Jahrzehnt, die 90er. Auch wenn ich eigentlich erst so richtig in die Pubertät kam, als sie schon fast vorbei waren. Neulich ging ich durch meine Heimatstadt und sah ein Plakat, das mich stutzen ließ. „90er-Jahre-Party“ stand darauf. Ich war geschockt. Jetzt schon sind die 90er Oldies. Ich überlegte, wie wohl das Publikum aussehen würde auf dieser Party. Flanellhemden, Docs, Ziegenbart und verfilzte Haare, die Frauen kurze Röcke zu schweren Stiefeln und Bauchnabelpiercings?
Ist einer von euch schon mal auf so einer Party gewesen und weiß das vielleicht?